Monseigneur,

Es sei mir gestattet, mich an die Güte Eurer Königlichen Hoheit zu wenden und Sie inständig zu bitten, einen Mann, dessen seltenes und mächtiges Talent Sie schätzen und dessen Kenntnisse und Arbeit die größten Sympathien verdienen, in seiner (hoffentlich vorübergehenden) Not nicht allein zu lassen.

Als ich gestern Abend aus Ettersburg zurück kam, wurde mir der Brief von Richard Wagner übergeben, den ich diesen Zeilen beizufügen wage. Dieser Brief befindet sich nicht in der Korrespondenz zwischen Liszt und Carl Alexander, aber es handelt sich sicher um den Brief, den Wagner am 19. Juli 1849 an Liszt geschickt hat. Er beschreibt darin aus seinem Exil in Zürich seine katastrophale finanzielle Situation und fleht Liszt an, ihm zu helfen. Zur Antwort von Liszt vgl. den folgenden Brief. Vgl. Richard Wagner. Sämtliche Briefe , Bd. 3 ( Briefe der Jahre 1849–1851 ), hrsg. von Gertrud Strobel und Werner Wolf, Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik 1975, S. 98 f.

Haben Sie die Güte, ihn zu lesen und wenn er Ihnen – so wie mir – simpler und rührender Ausdruck eines Unglücks zu sein scheint, das es verdient, schnell abgeschafft zu werden, erfüllen Sie meine Hoffnung und helfen Sie dem Dichter, der so erhaben die Wartburg besungen hat! Es geht um Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg , eine Romantische Oper in drei Akten von Wagner, die 1845 in Dresden uraufgeführt wurde und deren Handlung auf der Wartburg spielt. Die geschichtsträchtige Wartburg liegt oberhalb der Stadt Eisenach und ist eng mit der Geschichte und dem Nationalgefühl in Deutschland verbunden. 1067 von Ludwig II. von Thüringen, Graf von Schauenburg (dem sog. Springer, 1042–1123) gegründet, war die Burg im 13. Jahrhundert Austragungsort der berühmten Sängerwettbewerbe und Residenz der Heiligen Elisabeth von Thüringen (1207–1231), die dem Franziskanerorden beitrat und Liszt zu seinem ersten Oratorium inspirierte ( Die Legende von der heiligen Elisabeth , LW I4). Später übersetzte Martin Luther (1483–1546) – wohl – dort das Alte Testament ins Deutsche (1521/22) und schuf damit die Grundlage für die Reformation. Die Wartburg gehörte zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und spielte eine wesentliche Rolle für die Identität des Großherzogtums sowie allgemein in der deutschen Geschichte; sie war eine Kultstätte für die deutsche Einheit, an der sich 1817 Studenten mehrerer deutscher Länder zum Wartburgfest trafen. Als Carl Alexander noch Erbgroßherzog war (bis 7. Juli 1853), veranlaßte er wahrscheinlich noch unter dem Einfluß des diesem Ort sehr verbundenen Goethe Restaurierungsarbeiten. Er ließ die Burg 1854/55 von Moritz von Schwind (1804–1871) ausmalen, und dessen Fresken der Elisabeth-Galerie inspirierten Liszt zu seinem o. g. Oratorium, das er vor Ort anläßlich des 800jährigen Gründungsjubiläums im Jahr 1867 dirigierte. Liszt komponierte 1873 auch die Wartburg Lieder ( Der Braut Willkommen auf der Wartburg , LW L14) und besuchte die Wartburg mehrfach; im Gästebuch findet sich zweimal seine Unterschrift und der Eintrag, daß er im August 1852 gemeinsam mit der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein und deren Tochter, Prinzessin Marie (spätere Fürstin zu Hohenlohe-Schillingsfürst) dort war sowie nochmals im Juni 1855 (vgl. Stammbuch , [D EIw], ohne Registratur). Aber er fuhr noch weitere Male auf die Burg, insbesondere im August 1858 zusammen mit dem Maler Wilhelm von Kaulbach. Er besuchte dort zudem oft Carl Alexander, der heute nicht mehr vorhandene Wohnräume eingerichtet hatte, in denen er sich aufhielt.

Ich habe die Ehre, Monseigneur,

der untertänigst

ergebene und dankbare

Diener

Eurer Königlichen Hoheit

zu sein.

F. Liszt

den 26. Juli 1849