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Kylix, um 530/520 v. Chr., Detail: Amazone und Hoplit im Kampf (Foto Klas Winter)
Aus der Sammlung Antike Kleinkunst: Kylix, um 530/520 v. Chr.

Geselliger Weingenuss im antiken Griechenland

01.08.2021

Flache Tonschalen mit hohem Fuß – kylikes – gehörten zu den bevorzugten Trinkgefäßen im attischen Symposion. Die formellen, wohl organisierten Trinkgelage mit religiösem Charakter trugen wesentlich zum gesellschaftlichen und intellektuellen Leben Athens in der klassischen Zeit bei. Das sympósion (wörtlich „gemeinsames Trinken“) blieb männlichen Bürgern der Oberschicht vorbehalten, die sich dazu im andrón, einem ausschließlich für diesen Zweck eingerichteten Raum in wohlhabenden Privathäusern einfanden.

Eines der wichtigsten Gefäße, das beim Symposion Verwendung fand, war die Kylix: Mit dem ausladenden Schalenkörper auf hohem Fuß und zwei waagerechten Henkeln diente sie als elegantes Trinkgefäß, das mit einer Hand am Schalenfuß balanciert wurde. Das Ergreifen der Henkel war lediglich beim kottabos  –  einem in der griechischen Antike beliebten Trinkspiel  – gestattet und setzte Geschick im Handhaben der großformatigen Trinkschalen voraus.

An dieser, auch als Augenschale bezeichneten Gefäßgattung lässt sich beispielhaft die Entwicklung der attischen Vasenmalerei beobachten: Der Technikwandel von der schwarzfigurigen zur neuen, rotfigurigen Malweise vollzog sich über die Gattung der Bilinguen – Gefäße, bei denen beide Techniken kombiniert zur Anwendung kamen. Der Andokides-Maler (ca. 530-515 v. Chr. tätig), aus dessen Wirkungskreis die hier vorgestellte Augenschale stammt, ist der erste uns bekannte Maler, der die neue Technik anwandte und offenbar auch entwickelte. Augenschalen wurden  in verschiedener Gestalt von etwa 560-520 v. Chr. zahlreich hergestellt und waren in der Antike ein begehrter Exportartikel. Auch die Jenaer Augenschale – Teil der Grabausstattung eines wohlhabenden Etruskers –  bezeugt den Export der beliebten attischen Keramik in spätarchaischer Zeit.

Die aus rötlichem Ton geformte Schale mit Schwarzfirnisauftrag zeigt auf den Außenseiten jeweils ein aufgemaltes, drohend wirkendes Augenpaar, dessen ursprünglich apotropäische – unheilabwehrende –  Bedeutung sich zur bloßen Ornamentik entwickelte. Die beiden Kampfszenen dazwischen variieren in einem interessanten Detail: Eine Amazone, mit Schild, Helm, Brustpanzer, Beinschienen und Lanze bewaffnet, kämpft gegen einen ebenbürtig gerüsteten Hopliten in kurzem Mantel. Auf der anderen Schalenseite hingegen ist sie dem Gegner fliehend abgewandt. Um die schmalen Henkel ranken Weinstöcke mit reifen Trauben. Im Becken der Jenaer Augenschale erscheint als Innenbild das fratzenhafte Haupt der Gorgone Medusa mit herausgestreckter Zunge und Eberzähnen. Dem versteinernd wirkenden Blick des Gorgoneions schrieb man in der Antike eine unheilabwehrende Wirkung zu: Der Wein, der beim griechischen Symposion üblicherweise im Verhältnis von eins zu zwei oder eins zu fünf mit Wasser gemischt wurde, konnte also dank des magischen Schutzes beruhigt getrunken werden.

Sammlung Antike Kleinkunst:
Inv.-Nr.: 177
H. 13,4 cm, Dm. 29,5 cm, mit Henkeln 38,0 cm
Aus Vulci, um 530/520 v. Chr.
Provenienz: 1846; Geschenk des Herzogs Joseph von Sachsen-Altenburg,  vorher Sammlung Campana/Rom

Literatur:
Geyer, Angelika [Hrsg.] (1996): Der Jenaer Maler: eine Töpferwerkstatt im klassischen Athen; Fragmente attischer Trinkschalen der Sammlung Antiker Kleinkunst der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 87 Kat.-Nr. 97 (R. Hirte/T. Kleinschmidt). Wiesbaden
Geyer, Angelika [Hrsg.] (1999): Mediterrane Kunstlandschaften in der Sammlung Antiker Kleinkunst der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Jena
Goettling, Carl Wilhelm (1854): Das archäologische Museum der Universität Jena . Jena
Graen, Dennis (2009): Sammlung Antiker Kleinkunst und Gipsabgusssammlung, in: Schätze der Universität : die wissenschaftlichen Sammlungen der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Jena
Müller, Werner (1963): Keramik des Altertums. Vasen aus der Sammlung Antiker Kleinkunst. Leipzig
Paul-Zinserling, Verena (1981): Sammlung Antiker Kleinkunst. Jena

Stefanie Adler