Medical instruments

Meyer-Steineg collection of medical history in Jena

Die Sammlung des Mediziners Theodor Meyer-Steineg (1873–1936) enthält rund tausend originale und nachgebildete ärztliche Instrumente von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Es handelt sich um eine der bedeutendesten Universitätsammlungen zur Medizingeschichte, die privat von einem Medizinhistoriker zusammengetragen wurde. Besonderen Stellenwert nimmt die Sammlung durch die von Meyer-Steineg gesammelten antiken Objekte ein.

anatomisches, männliches Elfenbeinmodell

TMS_D_2015_3#1 photo: Jan-Peter Kasper
belonging collection:
Medizinhistorische Sammlung Theodor Meyer-Steineg
inventory number:
TMS_D_2015_3
classification:
Medizin
objecttype:
Modell
date:
2. Hälfte 17. Jahrhundert
dimension:
Gesamt: Höhe: 15,6 cm
material:
Elfenbein
comment:
Als "außer Gebrauch befindliche antiquarische Gegenstände" überließ der damalige Direktor des Pathologischen Instituts der Universität Jena, Professor Rössle, 1912 der Sammlung seines Kollegen Meyer-Steineg zwei Elfenbeinfiguren. Die beiden anatomische Lehrmodelle aus dem Medizinunterricht des Barock sind eine echte Rarität: Von den 25 nachweisbaren ganzfigurigen Demonstrationsmodellen aus Elfenbein gelten einige seit dem 2. Weltkrieg als verschollen.

Zwei historische Entwicklungen trafen in der Herstellung solcher Demonstrationsmodelle aufeinander: Zum einen kam es im Europa des 17. Jahrhunderts auf der gesellschaftlichen Grundlage des Feudalismus zu einem neuen Aufblühen der Elfenbeinkunst, eine der ältesten und auf der ganzen Welt verbreiteten Kunstform. Zum anderen war dank der Aufklärung eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft, insbesondere der Anatomie, entstanden, woraus sich nun als neuer Zweig die Fertigung von Lehrmodellen entwickelte. Denn Leichensektionen waren im 17. Jahrhundert noch eine Seltenheit und so versuchte man, den Medizinstudenten die damaligen anatomischen Kenntnisse mit Hilfe von Modellen anschaulich zu vermitteln. Neben den ganzfigurigen Elfenbeinmodellen gab es auch Augen- und Ohrmodelle; alle ließen sich komplett zerlegen, um den Studenten den inneren Aufbau zeigen zu können. Bei den ganzfigurigen Modellen sind nach Abheben der Brust-Bauch-Decke die Form und die Lage- und Größenbeziehungen der inneren Organe zu erkennen. Vermutlich waren schwangere Frauen mit Foetus die bevorzugten Modelle. Die Anordnung der herausnehmbaren inneren Organe war im Vergleich zum tatsächlichen Organverhältnis oft phantasievoll oder nur schematisch gestaltet. Trotz neuerer anatomischer Erkenntnisse, die sich in Illustrationen von Vesal und da Vinci zeigen, wurde in vielen Werkstätten noch nach veralteten Vorstellungen gearbeitet. Elfenbein eignete sich dabei aufgrund der guten Gestaltbarkeit und der besseren Haltbarkeit im Vergleich etwa zu Wachs. Die Verwendung von Wachs diente der Darstellung des verwesenden oder toten Körpers, wohingegen das Elfenbein aufgrund seiner Optik genutzt wurde, Funktionen des lebenden Körpers zu zeigen bzw. Knochenersatzmaterial vorzutäuschen. Die Knappheit des Rohstoffes setzte der Größe der Lehrmodelle jedoch natürliche Grenzen.

Die Jenaer Figuren sind gerade einmal 14,5 (Frau) und 15,5 (Mann) cm lang. Es fehlt das typische sargartige Unterlagenpodest, wie es bei anderen Exemplaren erhalten geblieben ist. Die Rückseite der Figuren ist für die Auflage abgeplattet, was zu Bruchstellen führte und so wie die barocke Allongeperücke ein Grund für die frühe Datierung ist. Denn bei späteren Figuren wurde die Rückenfläche meist belassen, um innen beispielsweise das Gefäßsystem reliefartig darzustellen. Außerdem finden sich bei späteren Exemplaren oft Organe aus Holz. Details wie der manieristisch abgespreizte Finger, die an der männlichen Figur noch erkennbaren geteilten Kniescheiben und die leicht ausgebohrten Grübchen nahe der Gelenke sind Indizien dafür, dass die Figuren aus den bedeutenden Werkstätten der Nürnberger Familie Zick kommen. Von ihnen stammt der größte Teil der in Deutschland bewahrten Modelle. Die Jenaer Figuren könnten nach ihrer Datierung vom berühmten Stephan Zick selbst hergestellt worden sein, dessen Schaffenszeit Mitte des 17. Jahrhunderts begann. Denn ihre Gestaltung spricht dafür, dass für die Herstellung Präparatestudien genutzt wurden, wie es bei Stephan Zick der Fall war, der mit dem Anatomen Johann Georg Volkamer zusammenarbeitete.
image rights:
FSU Jena, Ernst-Haeckel-Haus