Aus der Jena Collection of X-Ray-Movies
Jemenchamäleon

Prof. Dr. Martin Fischer
martin.fischer@uni-jena.de
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie
mit Phyletischem Museum
Erbertstr. 1
07743 Jena

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Das Reptil, das wie ein Säugetier läuft

01.01.2016
Das Jemenchamäleon (Chamaeleo calyptratus) war 1994 eines der ersten röntgenvideographisch untersuchten Tiere. Das Besondere am Chamäleon ist, dass es sich auf Ästen und Zweigen fortbewegt, die im Vergleich zu seinem Körper sehr schmal sind. Deshalb zeigt es beim Gehen nicht die typische Haltung und Bewegung eines Reptils: vom Körper abgespreizte Extremitäten und eine sich stark seitlich biegende Wirbelsäule (Undulation). Vielmehr hält es seine Extremitäten nah am Körper und die Wirbelsäule mittig über dem Ast, wie es auch bei Säugetieren der Fall ist. Deshalb weist das Chamäleon im Gegensatz zu anderen Reptilien einige Besonderheiten auf: eine hohe Beweglichkeit des Schultergürtels und eine Rumpfwirbelsäule, die in verschiedene Bereiche mit unterschiedlicher Funktion aufgeteilt ist. Diese Eigenschaften findet man auch bei Säugetieren, allerdings sind sie beim Chamäleon aufgrund seines anatomischen "Reptilienerbes" strukturell vollkommen anders umgesetzt. Beim Säugetier ist beispielsweise das Schulterblatt nur mit Muskeln am Rumpf befestigt (bei einigen auch gelenkig über das Schlüsselbein am Brustbein) und kann sich so auf dem Rumpf verschieben. Beim Chamäleon sind die Elemente des Schultergürtels wie bei allen Reptilien fest miteinander verbunden. Bei anderen Reptilien ist der Schultergürtel auch fest mit dem Brustbein verbunden. Das Chamäleon aber hat eine Knochenrinne im Brustbein, in der sich der Schultergürtel gegen den Rumpf verschieben kann.

Die Fortbewegung des Chamäleons ist somit ein sehr schönes Beispiel für eine konvergente Entwicklung. In der Jena Collection of X-Ray Movies findet sich eine große Anzahl von Filmen, in denen sich Tiere auf schmalem Untergrund fortbewegen, horizontal oder auf- und abwärts. Ein Schwerpunkt der Forschung mit Hilfe der Röntgenvideographie war die Untersuchung des Kletterns. Die röntgenvideographischen Aufnahmen des Chamäleons aus zwei Raumrichtungen waren neben ihrer Bedeutung für die Forschung auch Grundlage für eine 3D-Animation eines auf einem Ast laufenden Chamäleonskeletts.

Bei der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift Zoology schaffte es das Chamäleon im Jahr 2010 sogar auf das Titelbild. Momentan ist es noch bis 07. Februar 2016 in Bad Rothenfelde bei der lichtsicht Projektions-Biennale im "Marathon der Tiere" der Künstlerin rosalie zu sehen.

Am 1. April 2016 zeigte Arte um 21.40 Uhr die Dokumentation "X-Ray Run – Das Geheimnis des Laufens". Inv.-Nr.: zseb_derivate_00001834.
Material: Röntgenfilm+Foto der Versuchsanordnung. Aufgenommen am  06.12.2007 mit 500 (B/s) Bildern pro Sekunde, 40 kV/43 mA, 2146 Bilder. Das Chamäleon läuft 3 Schritte auf einem horizontalen Gummiseil, das mit Hilfe von 2 Rollen unter ihm hindurchbewegt wird.


Dr. Bettina Hesse