Aus der Astronomischen Sammlung: Siebenfüßiges Spiegelteleskop
(Fotos Astronomische Sammlung/Jan-Peter Kaspar)

Prof. Dr. Ralph Neuhäuser
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Astrophysikalisches Institut und Universitäts-Sternwarte
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07743 Jena
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Blick in die Sterne

01.01.2010
Das Gerät ist mit großer Wahrscheinlichkeit im Frühjahr 1793 in Lilienthal bei Bremen gebaut worden. In jener Zeit richtete sich die Aufmerksamkeit der Astronomen auf die Suche nach dem Planeten, der die Lücke zwischen Mars und Jupiter füllen sollte. Damit ein schwaches, sich unter den Sternen bewegendes Lichtpünktchen auch gefunden werden konnte, war es notwendig, gute Sternkarten zu haben, und mit diesem Ziel hatte besonders Friedrich Wilhelm Herschel in England große Fernrohre konstruiert, bei denen er die optische Anordnung nach Isaac Newton verwendete.Eines der nach diesem Vorbild von Johann Hieronymus Schroeter in Lilienthal bei Bremen und Johann Gottlieb Friedrich Schrader in Kiel gefertigten Instrumente ist im April 1793 über die Göttinger Professoren Georg Christoph Lichtenberg und Abraham Gotthelf Kästner an Wilhelm von Knebel, den Bruder des Goethe-Freundes Karl Ludwig von Knebel, in Heilbronn, Hannoverscher Gesandter am Württembergischen Hof, geliefert worden. Lichtenberg urteilt: »Das Schradersche Teleskop ist vortrefflich ausgefallen. […] Auch das Äußere ist von außerordentlicher Schönheit […] und die Bewegung daran leicht und bequem«. Im Gegensatz zu den anderen Fernrohren ist es mit zahlreichen Verzierungen versehen, so daß Kästner meinte, es könne »auch die Sammlung eines Königs zieren«.
Das 2,38 m lange Holzrohr nahm einen Spiegel von 16 cm Durchmesser und 2,26 m Brennweite auf. Die Vergrößerung lag zwischen 60- und 200fach. Leider sind die optischen Teile nicht erhalten.
Nach dem Tode Wilhelm von Knebels fiel das Teleskop als Erbstück an Karl Ludwig von Knebel in Ilmenau. Dieser fragt Goethe, ob er nicht bei der Vermittlung eines Nutzers behilflich sein könnte. Goethe bot sich an, einen »Liebhaber« zu finden und schrieb: »Zum Transport [nach Weimar] könnte ich ja wohl einmal eine Extrafuhre, ohne daß es uns etwas kostet, hinaufschicken [nach Ilmenau]. Schreibe mir Deine Gedanken darüber«. So kam das Instrument nach Weimar. Im März 1800 ließ es Goethe in sein Gartenhaus bringen: »Das Teleskop ist nun aufgestellt und sein schönes äußeres Ansehen ist lockend, so daß man auch seine inneren Tugenden wünscht kennenzulernen«.
Über seine Mondbeobachtungen berichtete Goethe: »Ich beobachtete nun einzeln mehrere Mondwechsel, und machte mich mit den bedeutendsten Lichtgränzen bekannt, wodurch ich denn einen guten Begriff von dem Relief der Mondoberfläche erhielt« und »Es erregt die merkwürdigsten Gefühle, wenn man einen so weit entfernten Gegenstand sich so nahe gerückt sieht, wenn es uns möglich wird, den Zustand eines 50000 Meilen von uns entfernten Körpers mit so viel Klarheit einzusehen«. Er schreibt seinem Freund Schiller: »Um sieben Uhr, da der Mond aufgeht, sind Sie zu einer astronomischen Partie eingeladen, den Mond und den Saturn zu betrachten; denn es finden sich heute Abend drei Teleskope in meinem Hause« und bemerkt: »Ich wünsche, daß es recht viele Neugierige geben möge, damit wir die schönen Damen nach und nach in unser Observatorium locken«. Schließlich kaufte Goethe im Sommer des Jahres 1800 dieses Spiegelteleskop für 400 Reichstaler für die Herzogliche Bibliothek in Weimar. Seit der Einrichtung des Jenaer Observatoriums im Jahre 1813 zählt das Fernrohr zum Inventar der Sternwarte.

Schielicke, R.E., Blumenstein, K.: Herzog Carl August, Goethe und die Einrichtung der Herzoglichen Sternwarte zu Jena. Goethe-Jahrbuch 109 (1992), 173-180.

Dr.-Ing.Reinhard Schielicke