Aus der Sammlung Ur- und Frühgeschichte
Schnabelkanne 5. Jh. v. Chr. (Frühlaténe-Zeit)
(Foto Ivonne Przemuß)

Prof. Dr. Peter Ettel
peter.ettel@uni-jena.de

Lehrstuhl Ur- und Frühgeschichte
Löbdergraben 24a
07743 Jena

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Raubkatze auf dem Sprung

01.11.2015
Neugierige Bewohner des Dorfes Borsch (nahe Geisa/ Rhön) begaben sich am 29. Juni 1869 in das Waldstück nördlich des Ortes, genannt "Borscher Aue", um einen möglichen Grabhügel zu begutachten. Dieser war ca. 1,25 m hoch und hatte einen Durchmesser von ungefähr 6 m. Durch das unkontrollierte Graben in den Hügel wurden einige Funde beschädigt bzw. zerstört, unter anderem eine bronzene Schnabelkanne nach etruskischem Vorbild. Am darauffolgenden Tag untersuchte Prof. Dr. Friedrich Klopfleisch, vom damaligen Institut für Prähistorische Archäologie der Universität Jena, besagten "Hügel I" und konnte aus dem Aushub des Hügels nur noch Reste dieser dünnwandigen Bronzekanne bergen. Weiterhin konnte Klopfleisch eine Steinkreissetzung und verkohlten Rückständen (vmtl. Leichenbrand) im Inneren des Hügels identifizieren. Erhalten geblieben sind Teile vom Schnabel bzw. Ausguss der Kanne, zwei Bruchstücke einer Zierleiste sowie der Henkel mit zwei Henkelarmen und Attasche. Der Kannenkörper ist Anfang der 80er Jahre im Rahmen einer Diplomarbeit erarbeitet und nach Vorbildern aus dem mitteleuropäischen Raum ergänzt bzw. rekonstruiert worden.

Besonderheiten
Das Besondere an der Borscher Kanne ist deren Einzigartigkeit in diesem Gebiet entsprechend der Zeitstellung und hinsichtlich ihrer Ausfertigung. Aufgrund dieser Eigenschaften wurde die Kanne einem keltischen (Kunst-)Handwerker zugeschrieben, der etwa um die Mitte des 5. Jh. v. Chr. seinen originellen Stil bei der Herstellung einbrachte. Die Kelten besiedelten das Gebiet zwischen den europäischen Mittelgebirgen und dem Alpennordrand, zwischen Loire und Seine im Westen und dem österreichischen Donauraum im Südosten. Die Borscher Kanne ist zudem so bedeutsam für die Archäologen und deren Forschung, weil sie das zuerst gefundene Exemplar ihrer Art in einheimischer keltischer Herstellung ist, das in Mitteleuropa überhaupt gefunden wurde. Vorbilder jener Art von Bronzekannen stammen aus dem italisch-etruskischen Gebiet zu jener Zeit. Naturwissenschaftliche Untersuchungen an Rückständen im Kannenbode, beispielsweise von Met, zeigten, dass diese Kannen  tatsächlich als Gießgefäß genutzt wurde und einen maximalen Inhalt von 5 Liter fassen konnten.

Eigenschaften
Der Henkel der Kanne ist das schönste und kunsthandwerklich aufwendigste Teil der Kanne, denn er hat die Form einer springenden Raubkatze, die mit Rachen und Vorderpfoten den Rand der Kanne packt. Zudem laufen die beiden auf der Kannenmündung befestigten Henkelenden in zwei als Flachrelief ausgeprägte bärtige Gesichtsdarstellungen aus. Durch diese Masken führt jeweils ein Niet durch den Mund und fixiert somit die Arme am Kannenrand. Der Tierkörper ist mit seinen Hinterläufen an einer spitzovalen Befestigungsplatte (Attasche) angegossen, die wiederum an der Schulter des Kannenkörpers mittels Nieten befestigt ist. Der Tierkörper zeichnet sich durch eine einzigartige, reiche Verzierung aus. Der Körper ist mit in wechselnder Richtung schraffierten Vierecken versehen, auf den Vorderpfoten sind Punktreihen angebracht, die Gelenke wurden durch Schnörkel hervorgehoben und die Hinterläufe mit durch gerade Linien eingefasste Kreisreihen verziert. Bei der Fertigung wurden die Verzierungen bereits in der Wachsform angelegt, der Henkel anschließend in der sogenannten verlorenen Form gegossen. Das Henkeltier ist auch als Fabelwesen zu beschreiben, aufgrund seiner ungewöhnlichen Gestaltung und Verzierung. Des Weiteren sind seine Vorderläufe massiv und der Schwanz läuft in eine Quaste aus. Zudem wurden als Details noch schräge Augen, fledermausartige Ohren und eine Art Kerbleiste als Rückgrat angebracht. Ein reales Tier als Vorbild scheidet demnach aus. Durch mikroskopische Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass die gesamte Deckplatte inklusive des Schnabelknicks in einem Stück gegossen wurde.

Herstellung
Stilistisch unterscheidet sich die Kanne von Borsch nicht von den anderen keltischen Kannen der Frühlaténezeit (Periode nach dem Ort La Téne /Schweiz benannt), jedoch ist die Herstellungstechnik im Vergleich zu den anderen Kannen dieser Art verschieden. Die Henkel dieses Kannentyps werden zu dieser Zeit massiv in einem Stück gegossen, jedoch ist der Henkel der Borscher Kanne ein Hohlhenkel bzw. Hohlguss, der in einer "verlorenen" Form im Wachsausschmelzverfahren hergestellt wurde. Dieses Herstellungsverfahren lässt sich ebenfalls an der http://www.uni-jena.de/Universit%C3%A4t/Einrichtungen/Museen/Archiv+Objekt+des+Monats/2010/Mai+2010.htmlDoppelmaskenfibel von Ostheim v. d. Rhön erkennen. Beide Objekte liegen zeitlich nah beieinander und zeigen auch in ihrer metallischen Zusammensetzung annähernd Übereinstimmung, weshalb die Theorie aufgestellt wurde, dass es für den mitteldeutschen Raum nur ein keltisches Handwerkszentrum für jene aufwändigen und qualitativ hochwertigen kunsthandwerklichen Gegenstände gegeben haben mag.

Fazit
Zweifelsohne ist die Schnabelkanne von Borsch ein einzigartiges Beispiel für die schöpferische einheimische Umsetzung einer etruskischen Weinkanne. Zudem kommt der Borscher Kanne aufgrund ihrer Einzigartigkeit hinsichtlich des Fundortes für die entsprechende Zeit eine besondere kulturhistorische Bedeutung zu, da sie gewissermaßen einen Mittler zwischen Nord- und Südeuropa während der frühen Eisenzeit verkörpert. Vergleichbare Beispiele für die Bronzekanne von Borsch stellen unter anderem die Kannen vom Glauberg (Wetteraukreis), Dürrenberg (Österreich), Kleinaspergle (Lkr. Ludwigsburg), Basse Yutz (Frankreich) oder Diedenhofen (Thionville in Frankreich) dar. Diese sind jedoch alle etwas älter als die Kanne von Borsch. Jene Kannen gehörten wohl zu einer keltischen Trinksitte bzw. waren Teil eines Trinkgeschirrsatz und wurden im Zuge eines Bestattungsritus mit Met o.ä. gefüllt (z.B. Glauberg).




Literatur:
Eichhorn, G.: Vorgeschichtliches aus der Rhön. In: Thüringen 2, 5. Heft. S. 85 - 89. Jena, 1926.
Ettel, P., Klinger, K., Schneider, F. (Hrsg.): Kulturfluss. Materialübung über die Archäologie des mittleren Saaletals aus 150 Jahren Sammlung für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Laborberichte 2, Weimar 2014.
Franz, L.: Die Bronzekanne von Borsch. In: Der Spatenforscher. Jahrgang 8, Folgen 1,2; 1943, S. 12 - 16.
Heiler, T., Lange, U., Stasch, G.-K., Verse, F.: Die Rhön - Geschichte einer Landschaft. Schriften des Vonderau Museums der Stadt Fulda, Bd. 1 und 2, Fulda 2015.
Hessische Kultur GmbH (Hrsg.): Das Rätsel der Kelten vom Glauberg. Glaube-Mythos-Wirklichkeit. Eine Ausstellung des Landes Hessen in der Schirn Kunsthalle Frankfurt 24. Mai bis 1. September 2002, Stuttgart 2002, S. 309.
Storch, H.: Die Restaurierung der Bronzekanne von Borsch, Kr. Bad Salzungen, und ihrer Rekonstruktion unter Einbeziehung der vorhandenen Originalteile, unveröff. Diplomarbeit der Uni Jena 1983.

Die Schnabelkanne und weitere Objekte aus der Sammlung Ur- und Frühgeschichte der Uni Jena (keltische Doppelmaskenfibel von Ostheim v. d. Rhön sowie ein keltisches Halsringfragment (Torques)) werden noch bis zum 28.3.2016 in der Ausstellung "Die Rhön - Geschichte einer Landschaft" im Vonderau Museum Fulda zu sehen sein.


Inv.-Nr.:   5188 - 5189
Material (Originalteile): Bronze
Maße:    rekonstr. Höhe Kanne = ca. 38 cm
rekonstr. Dm. max. = ca. 23 cm
Länge Henkeltier mit Attasche: 18 cm
Zeitstellung:   5. Jh. v. Chr. (Frühlaténe-Zeit) Stephanie Kula