Alphons-Stübel-Sammlung früher Orientphotographien, FSU Jena
Emil Brugsch: Mumie Ramses II., Kopf (zwei Aufnahmen), 1881

Prof.Dr. Norbert Nebes
norbert.nebes@uni-jena.de

Dr. Babett Forster
babett.forster@uni-jena.de

Lehrstuhl für Semitische Philologie und Islamwissenschaft
Löbdergraben 24a
07745 Jena
Tel. +49 (0) 3641 944850

nicht öffentlich - Voranmeldung erforderlich

Mumie Ramses II

01.08.2017
Auf seiner letzten Orientreise im Jahr 1890 bewegt sich der Geograf und Geologe Alphons Stübel (1835-1904) als angesehener und weltgereister Forscher in den Kreisen der Diplomatie und der Wissenschaft. In Kairo macht er die Bekanntschaft mit dem dort ansässigen Ä­gyp­tologen und Kurator Emile Brugsch (1842–1930), der jüngere Bruder des Ägyptologen Heinrich Brugsch (1827–1894) und als dessen Assistent ab 1870 in Ägypten tätig. Bis 1914 arbeitete er als Konservator im Museum von Kairo. Emile Brugsch entdeckte im Jahr 1881 in einem Grab bei Der al-Bahari zahlreiche Mumien, darunter die Sethos I und Ramses II, und veranlasste ihren Abtransport ins Museum nach Kairo. Dort ließ er sie eher unsachgemäß öffnen und fotografieren. Diese Aufnahmen gelangten dann schnell in den Handel und konnten nun von Reisenden als besonders schön-schauriges Motiv des Alten Ägypten erworben werden. Auch Stübel ließ es sich nicht nehmen, die fotografierten in seine Fotosammlung zu übernehmen. Die hier gezeigte Aufnahme präsentiert den Kopf Ramses II., ähnlich einem Münzbild oder einem frühen Porträtgemälde im Profil. Die ovale Form des Papierabzuges verstärkt die Reminiszenz auf klassische Bildnisdarstellungen. Die Aufnahmen von Mumien dienten nicht nur als Zeugnis der wissenschaftlichen Dokumentation vor dem Hintergrund der jungen Ägyptologie, sondern wollten durch Ganzfigur- und Profilansicht die Phy­siognomie der historischen Person vermitteln. Traditionell wurden der Körper- und Gesichtsform bestimmte Charakterzüge zugeschrieben, die man über grafische Dars­tellungsformen zu typisieren versuchte. In ihrer Typik versuchen auch die fotografischen Bilder, sich gleichsam ein Bild vom vormals lebendigen Wesen einer als Hülle überlieferten, berühmten historischen Persönlichkeit zu machen.

In Hinblick auf sammlungsgeschichtliche Traditionen ersetzten die Aufnahmen die als Sammelobjekte begehrten Mumien. Seit dem 16. Jahrhundert gehörten Mumien oder deren Überreste als wesentlicher Bestandteil zu den Aegyptiaca an europäischen Höfen, was einen lukrativen Handel und bis ins 19. Jahrhundert die Verbreitung des entsprechenden Fälscherhandwerkes förderte.

Emil Brugsch: Mumie Ramses II., Kopf (zwei Aufnahmen), 1881,
Albuminpapierabzug 178 x 233 mm, Karton 380 x 470 mm,
Alphons-Stübel-Sammlung früher Orientphotographien, FSU Jena, Inv. Nr. 0203.1.

Die Aufnahme aus der Jenaer Alphons-Stübel-Sammlung früher Orientphotographien ist derzeit in der Ausstellung Das unschuldige Auge. Orientbilder in der frühen Fotografie (1839-1911) noch bis zum 17. September 2017 in der Kunstsammlung der Universität Göttingen zu sehen.

https://www.uni-goettingen.de/de/562425.html

Dr. Babett Forster