Aus der Sammlung Ur- und Frühgeschichte
Halsring mit Gussformfragment, Hallstattkultur (ca. 600 - 480 v. Chr.)
(Foto Ivonne Przemuß)

Prof. Dr. Peter Ettel
peter.ettel@uni-jena.de

Lehrstuhl Ur- und Frühgeschichte
Löbdergraben 24a
07743 Jena

Tel. +49 (0) 3641 944891
Fax +49 (0) 3641 944892

nicht öffentlich - nur nach Voranmeldung

Homepage

Schmuckhandwerk auf dem Alten Gleisberg

01.09.2015
Der Alte Gleisberg ist eine der bedeutendsten Höhensiedlungen in Mitteldeutschland, mit etwa 7 ha. Größe. Dieses Areal lässt sich in drei Teile gliedern. Durch Altfunde, die in einer Diplomarbeit von Klaus Simon vorgelegt wurden, ist eine vor- und frühgeschichtliche Besiedlung des Mittelplateaus sowie der Südterrasse seit längerem bekannt. Der Bereich für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie führt seit 2004 ein Lehr- und Forschungsprojekt auf dem Alten Gleisberg bei Graitschen, finanziert durch die gGmbH "Alter Gleisberg" durch. Im Rahmen des Forschungsprojektes sollte vor allem eine mögliche Besiedlung auf der Nordterrasse geklärt werden. Die Ausgrabungen auf diesem Teil des Berges erbrachten neben zahlreichen Pfosten- und Siedlungsgruben, die eine Besiedlung des Berges im Spätneolithikum, der späten Bronzezeit sowie der vorrömischen Eisenzeit belegen, mehrere Nachweise von Produktionsstätten für die Verarbeitung von Metallen, Textilien, Sapropelit sowie Knochen und Geweih. Die beiden Objekte stellen Belege für die Metallverarbeitung auf der Nordterrasse dar. Es handelt sich dabei um einen so genannten Wendelhalsring und um ein Fragment einer Gussform für einen solchen. Beide Objekte erlauben eine Datierung des Schmuckhandwerks auf dem Alten Gleisberg während der Hallstattzeit. Bei Wendelringen handelt es sich um Halsringe, die aus einen meist vierkantigen Stab gefertigt wurden, indem dieser um seine eigene Achse verdreht und dadurch eine so genannte Torsion entsteht. Bei vorliegendem Exemplar liegt dagegen eine "unechte" bzw. Schein-Torsion vor, bei dem die Torsion bereits vor dem eigentlichen Herstellungsschritt, dem Metallguss, als Positiv in der Wachsform und damit als Negativ innerhalb der Lehmgussform angelegt war. Somit handelt es sich bei den "unechten" Wendelringen meist um rundstabige Ringe, bei denen die Torsion durch mitgegossene Einkerbungen vorgetäuscht wird. Das zweite Stück stellt ein Fragment einer solchen Gussform für einen "unechten" Wendelhalsring dar. Es handelt sich um ein Fragment aus gebranntem Lehm, das von einem Guss im Wachsausschmelzverfahren mit verlorener Form stammt. Bei diesem Verfahren wird zuerst eine Modell des späteren Schmuckstückes aus Wachs geformt. Dieses Wachsmodell wird mit Kanälen für die Einfüllung des flüssigen Metalls sowie zur Entlüftung versehen und mit Lehm ummantelt. Anschließend wird die Lehmform gebrannt, wodurch diese ihre Festigkeit erhält und zugleich das Wachsmodell aus der Form ausgeschmolzen wird, wodurch der Hohlraum innerhalb der Form entsteht. Als nächster Schritt wird das flüssige Metall, im Falle der Wendelringe Bronze, in die Form gegossen. Nach Erstarren des Metalls muss die Form zerschlagen werden, um den Wendelhalsring entnehmen zu können. Dieses Verfahren wird auch "Guss in verlorener Form" genannt. Somit muss für jeden Gussvorgang eine neue Form erstellt werden.

Obwohl vom Alten Gleisberg bislang mehrere dutzend Gussformfragmente sowie mehrere Fragmente von Wendelringen vorliegen, ist es bisher noch nicht gelungen, die jeweils passende Form für die Halsringfragmente zu finden. Dennoch stellen die beiden Stücke einen eindrucksvollen Beweis für die Produktion von Bronzeschmuck auf dem Alten Gleisberg während der Hallstattzeit dar und unterstreichen damit die überregionale Bedeutung dieser Höhensiedlung.

Diese und weitere einzigartige, regionale Funde, können noch bis zum 30.11.2015 im Rahmen der Ausstellung "Kulturfluss - Archäologie des mittleren Saaletals aus 150 Jahren Ur- und Frühgeschichtliche Sammlung der Universität Jena", in der "Alten Schule" in Löberschütz zu sehen sein. (Voranmeldung unter 036427/20899 oder 0172/8039196). Dies ist eine Zusammenarbeit mit dem Heimatkundeverein Alter Gleisberg e.V.


Literatur:
P. Ettel, Exkurs: Das Lehr- und Forschungsprojekt Alter Gleisberg. In: P. Ettel, K. Klinger, F. Schneider (Hrsg.), Kulturfluss. Materialübung über die Archäologie des mittleren Saaletals. Aus 150 Jahren Sammlung für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Laborberichte, Bd. 2 (Weimar 2014) 112-125.
P. Ettel, Die vorgeschichtliche Höhensiedlung auf dem Alten Gleisberg. Jenaer Archäologische Forschungen 1, 2015.
P. Ettel, C. Arnold, T. Jahr, L. Kleinsteuber, W. Mörbe, E. Paust, R. Rochlitz, F. Schneider, H. Schneider, Archäologische Ausgrabungen, geophysikalische Prospektionen und geoarchäologisches Praktikum der FSU Jena 2012/13 auf dem Alten Gleisberg, Saale-Holzland-Kreis. Neue Ausgrabungen und Funde in Thüringen 8, 2014/15, (im Druck).

Inventar-Nr.:  2518 (Halsring, Bronze), 41629 (Gussformfragment, gebrannter Lehm)
Maße Halsring: Außendm. = 11,6 cm; Innendm. = 10,34 cm; Stabdm. = 0,66 cm;     Gewicht = 88,44g.
Maße Gussform: Länge = 9,67 cm; Breite = 3,13 cm; Höhe= 4,13 cm; Gewicht = 96,23g.
Zeitstellung:   Hallstattkultur (ca. 600 - 480 v. Chr.)


(Dr. des. Enrico Paust)