Aus der Hilprecht-Collection of Babylonian Antiquities:
Zwei Frauen B. Exzerpt aus einem sumerischen literarischen Streitgespräch zwischen zwei Frauen

Prof. Dr. M. Krebernik
Manfred.Krebernik@uni-jena.de

Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients
Lehrstuhl Altorientalistik
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Frauenbild der altbabylonischen Epoche

12.10.2017
Der Auszug aus einem literarischen Streitgespräch zwischen zwei Frauen stammt aus dem südlichen Zweistromland (Irak), entstand um 1750 v. Chr. und wird in der Universität Jena aufbewahrt. Die wenigen erhaltenen Oberflächenfragmente von HS 2536 + HS 2714 mögen für den modernen Betrachter vielleicht eher unscheinbar wirken, doch tatsächlich handelt es sich bei der in sumerischer Sprache beschrifteten Tontafel um ein Manuskript eines bedeutenden literarischen Werks.

Während J.J.A. van Dijk (1915-1996) bei den unter der Inventarnummer HS 2714 verbuchten Fragmenten noch davon ausging, es könne sich um eine Erzählung um den legendären König Gilgamesch handeln, konnte J. Matuszak (Jena) nach der Durchsicht von van Dijks handschriftlichen Notizen im Sommer 2015 die Fragmente von HS 2536 mit denen von HS 2714 zusammenschließen und korrekt identifizieren. Dank der geschickten restauratorischen Bearbeitung durch C. Gütschow (Berlin) ist die Tafel nun erstmals seit fast 4000 Jahren wieder annähernd in ihrer ursprünglichen Form erkennbar. Ein gegenwärtig laufendes 3D-Digitalisierungsprojekt (https://hilprecht.mpiwg-berlin.mpg.de) soll künftig derartige Entdeckungen für Wissenschaftler weltweit ermöglichen.

Die Tafel ist ein typisches Produkt des Schulunterrichts zur Zeit der Dynastie Hammurapis von Babylon. Da die altehrwürdige sumerische Sprache vom Babylonischen als Alltagssprache verdrängt worden war, musste nach dem Erwerb von Keilschriftkenntnissen das Sumerische als ‚antike Fremdsprache’ gelehrt werden. In der ‚Oberstufe’ wurden komplexe sumerische literarische Texte erlernt – Hymnen, Mythen, Epen, moralisierende ‚Weisheitsliteratur’ und vieles mehr. Um sich den schwierigen Texten anzunähern, wurden sie zunächst auf meistens vier kleine Exzerpttafeln aufgeteilt, um später den gesamten Text auf einer großen Tafel ins Reine zu schreiben.

Bei HS 2536 + HS 2714 handelt es sich um eine solche Exzerpttafel eines babylonischen Schülers. Sie stellt somit einen Ausschnitt aus seiner Beschäftigung mit dem in der modernen Fachliteratur unter dem Titel „Zwei Frauen B“ bekannten literarischen Streitgespräch zwischen zwei Frauen dar. Darin beschuldigen sich zwei Antagonistinnen in wechselseitigen Reden, keine gute Frau zu sein. Aus ihren gegenseitigen Beschimpfungen und Vorwürfen lässt sich im Umkehrschluss ableiten, was um 1750 v.Chr. – wenigstens in elitären Schreiberzirkeln – als Kennzeichnen und Pflichten einer idealen (Ehe-)Frau galt. Der Text bietet daher einen einzigartigen Einblick in das Frauenbild der altbabylonischen Epoche.

Inventarnummer: HS 2536 + HS 2714
Datierung: ca. 1750 v.Chr.
Herkunft: Nippur, Irak
Material: Ton
Größe: ca. 9,5 cm (H) x 6,3 cm (B). Die Dicke kann nicht mehr ermittelt werden.

Die restaurierte Tafel und weitere Kostbarkeiten aus den orientalischen Sammlungen der Uni Jena sind vom 16.-26. Oktober in der Ausstellung AusLese. Objekte aus den orientalischen Sammlungen der Universität Jena zu sehen. Ausstellungskabinett, Universitätshauptgebäude,  Fürstengraben 1, 07743 Jena  | Öffnungszeiten 16.- 26. Oktober 15-19 Uhr

Jana Matuszak