Sammlung am Lehrstuhl für Transcultural Music Studies | Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der FSU Jena: Viola de Cocho

Ein Musikinstrument im Einklang mit der Natur

01.09.2019
Die Viola de Cocho stammt aus dem weltweit größten Binnenland-Feuchtgebiet, dem Pantanal im zentralen Westen Brasiliens, und gilt dort als das regionale Musikinstrument. Das in Weimar-Jena befindliche Exemplar gelangte mit der Studentin Antonia Kölble an das gemeinsame Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der FSU Jena und steht daher in enger Verbindung mit der Musikinstrumentensammlung des Lehrstuhls für Transcultural Music Studies.

Antonia Kölble verbrachte während eines Praxissemesters sechs Wochen im Pantanal und erforschte den Bau, die kulturellen Kontexte sowie die Ernennung der Viola zu brasilianischem Kulturerbe und deren Konsequenzen. Einer der Musiker und Instrumentenbauer, den sie während ihrer Feldforschung kennenlernte, Sebastião de Souza Brandão (geb. 1944), fertigte dabei das in Weimar-Jena befindliche Instrument für die Studentin an.

Der Name Viola de Cocho (dt. Trog-Viola) deutet bereits darauf hin, dass die Instrumente aus einem einzigen Stück Holz gefertigt werden, das ausgehöhlt und anschließend mit einer Decke versehen wird. Üblicherweise kommen dafür die im Pantanal heimischen Holzarten Ximbuva, Cedro und Leite de Sarã zum Einsatz. Senhor Sebastião jedoch suchte nach Alternativen und verarbeitete daher in diesem Instrument das Holz eines Mangobaums. In die Decke arbeitete er seine persönlichen Markenzeichen ein, Intarsien aus farblich kontrastierenden Holzsorten in Form von mehreren um das Schallloch befindlichen Ringen. Nicht nur die aufgrund der handwerklichen Verarbeitung bei jeder Viola individuelle Größe und Form, sondern auch die beiden sich anblickenden Tauben machen genau dieses Instrument zum Unikat.

Violas de Cocho bezeugen auf vielfältige Art und Weise die Verbundenheit der Bewohner des Pantanals mit dieser von Regenzeit, Flüssen, Seen und dichtem Gestrüpp geprägten Region. Nicht nur die Wahl heimischer Holzarten und die künstlerische Verzierung der Instrumente durch Zeichnungen oder Intarsien der dortigen Pflanzen- und Tierwelt, sondern auch die weitere Verarbeitung sind geprägt von den landschaftlichen Gegebenheiten. Zu Zeiten und an Orten, in denen industriell gefertigter Holzleim nicht ohne Weiteres zugänglich war, produzierten die Instrumentenbauer einen Kleber aus dem Magen der Piranhas. Die fünf Saiten, die den Klang des Instruments erzeugen, wurden ursprünglich – vergleichbar mit den Darmsaiten europäischer Barockviolinen – aus dem Darm einer heimischen Affenart hergestellt. Die heutige Alternative zu den inzwischen aus Gründen des Tierschutzes verbotenen Darmsaiten sind Angelschnüre aus Nylon. Ebenso besingen die Lieder, die das Instrument begleitet, die Natur und die Bewohner des Pantanal. Nach einwöchiger Arbeit stellte Sebastião de Souza Brandão, wie die eingebrannte Gravur auf der Instrumentendecke bezeugt, die Viola de Cocho am 9. März 2017 fertig.

Instrumentenbauer: Sebastião de Souza Brandão
Datum der Fertigstellung: 9. März 2017
Herstellungsort: Ladário, Mato Grosso do Sul, Brasilien | Naturräumliche Großregion: Pantanal
Materialien: Holz des Mangobaums, Saiten aus Angelschnur (Nylon)
Maße (H x B x T): ca. 62 x 7,3 x 21 cm

Antonia Kölble B.A.


Die Viola de Cocho ist noch zu sehen und zu hören bis zum 8. November 2019 in der Ausstellung "Klingende Objekte. Ausstellung mit Musikinstrumenten aus vier Kontinenten"| Ausstellungskabinett UHG E 0025, Fürstengraben 1, 07743 Jena | Mo-Fr 10:00 - 18:00 | Eintritt frei | Barrierefrei (Eingang Fürstengraben)