Aus der Sammlung Antiker Kleinkunst: Depas amphikypellon (ca. 2500 bis 2200 v. Chr.) (Foto Jan-Peter Kasper)

Ein Stück von Troja

03.07.2019
Das depas amphikypellon ist ein Gefäßtypus, der seit den Ausgrabungen von Heinrich Schliemann (1822-1890) in Troja bekannt ist und seitdem besondere Aufmerksamkeit erlangte. Als kleines Kind bekam Schliemann von seinem Vater eine Ausgabe der homerischen Epen; daraus entstand sein Wunsch, das Troja des Priamos mit seinen Schätzen sowie Mykene und den Palast des Agamemnon auszugraben – so zumindest eine von ihm selbst lancierte Legende. Viele seiner Funde bezog Schliemann auf die Ilias: bekannteste Beispiele dafür sind der „Schatz des Priamos“ aus Hisarlik (Troja), die „Maske des Agamemon“ aus den mykenischen Schachtgräbern oder der „Palast des Nestor“ in Pylos. Nach Beendigung seiner Grabungstätigkeit sowohl in Troja als auch in Mykene hatte Heinrich Schliemann im Jahre 1880 etwa 4416 Objekte aus den Beständen seiner trojanischen Berliner Sammlung an das Deutsche Reich übergeben. Seine Sammlung erhielt zahlreiche Dubletten, die auf Wunsch Schliemanns an ausgewählte deutschen Museen und Universitätssammlungen abgegeben werden sollten. So bekam die Sammlung der Universität Jena auch einen Teil dieser Objekte. Die meisten Gefäße stammen aus der Troja-Schicht II (etwa 2500-2200 v. Chr.).

Die Grundform dieser Gefäße, auch des hier abgebildeten Exemplars, zeigt einen hohen, schlanken und beinahe zylinderförmigen Körper, dessen Boden konisch zuläuft und unten abgeflacht wird und somit dem Gefäß keine Standfläche bietet. Die Lippen des depas sind normalerweise leicht nach außen gebogen (hier nicht erhalten). Seine beiden Rundhenkel sind am Körper und unmittelbar oberhalb der zum Boden abknickenden Wandung angesetzt. Diese Gefäße treten sowohl mit einem roten bis zum rotbräunlichen wie auch mit einem grauen polierten Überzug auf. Auffällig ist dabei, dass keines der bislang bekannten Exemplare auf seiner Oberfläche Schmuckelemente zeigt. Beim depas amphikypellon unserer Sammlung fehlen die Mündung, einer der beiden Henkel sowie der Boden.

Das Objekt wurde 2012 restauriert und in Gips ergänzt. Es handelt sich generell wohl um Weinbecher zum Trinken, Spenden, Mischen oder Schöpfen – manchmal aus Edelmetall, vorwiegend aber aus Ton. Durch archäologische Funde und die Entzifferung in den 1950er Jahren der Sprache auf den sog. Linear B-Tafeln aus Pylos und Knossos ist uns namentlich die früheste Bezeichnung eines solchen Gefäßtyps bekannt: dort ist es als dipa überliefert.

In den Homerischen Epen begegnet man der Bezeichnung depas oder auch depas amphikypellon an verschiedenen Stellen. Näher wird in der Ilias (XI, 632ff.) z. B. das depas des Nestor, des legendären, weisen Königs aus Pylos erwähnt, der Agamemnon und die anderen Helden, wie Achill oder Odysseus im Krieg gegen Troja begleitet hatte. Dieser Becher war allerdings aus Gold. Eine andere Erwähnung findet man in einer Szene ebenfalls in der Ilias (XXIII, 218ff.), die während der Bestattung des Patroklos spielt: ...und der schnelle Achilleus schöpfte die ganze Nacht, in der Hand den doppelten Becher (= depas amphikypellon), Wein aus goldenem Krug, und feuchtete sprengend den Boden, stets die Seel' anrufend des jammervollen Patroklos. Diese Gefäßform war vor allem in der Frühbronzezeit besonders beliebt. Ihre Verbreitung reicht etwa von Troja und seiner nahen Umgebung über Anatolien, die östlichen Inseln der Ägäis, Kleinasien bis hin nach Kilikien am östlichen Mittelmeer, dem griechischen Festland sowie dem Balkan.

Depas amphikypellon
Zeit: ca. 2500 bis 2200 v. Chr
Material: Ton
Höhe: 22,2 cm, Durchmesser am oberen Ende: 7,8 cm
Fundort: Hisarlik (Troja), Kleinasien
Provenienz: Aus dem Nachlass Heinrich Schliemanns, 1901 aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte in die Sammlung gekommen
Sammlung Antiker Kleinkunst, Inv.-Nr. V 21

Lit.: T. Mühlenbruch, Heinrich Schliemann. Ein Itinerar (Marburg 2010); ders., Die Troja-Dubletten – Bemerkungen zu ihrer Verteilung, in: K. Müller et al. (Hrsg.), Von Kreta nach Kuba. Gedenkschrift zu Ehren des Berliner Archäologen Veit Stürmer (Berlin 2018) 301-314; A. Plontke-Lüning, Troja. Heinrich Schliemanns Funde des 3. und 2. Jts. v. Chr., in: A. Geyer (Hrsg.), Mediterrane Kunstlandschaften. Jenaer Hefte zur Klassischen Archäologie 3 (Jena 1999) 12-15, Kat.Nr.1; P.Z. Spanos, Untersuchung über den bei Homer „depas amphikypellon“ genannten Gefäßtypus. Istanbuler Mitteilungen, Beiheft 6 (1972); Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.), Kykladen. Lebenswelt einer frühgriechischen Kultur. Ausstellung Karlsruhe (Karlsruhe 2011) 145f.

(PD Dr. Charalampos Tsochos)

Das Objekt des Monats Juni ist noch bis 15. Juli 2019 in der Ausstellung Parallelwelten. Bronzezeit am Mittelmeer und in Mitteldeutschland zu sehen.

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Altertumswissenschaften, Archäologische Sammlung, Fürstengraben 25, 07743 Jena | Dienstag von 10-12 Uhr, Freitag von 14-16 Uhr, Sonntag von 13-15 Uhr sowie nach Vereinbarung | freier Eintritt| Barrierefrei|