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Bronzekessel aus dem Gräberfeld von Großromstedt, Lkr. Weimarer Land, Detail (Foto Hannah Bayer)
Aus der Sammlung Ur- und Frühgeschichte: Bronzekessel aus dem Gräberfeld von Großromstedt, Lkr. Weimarer Land

Ein Kessel zur vielfältigen Verwendung

01.09.2020

Zu den wichtigsten archäologischen Fundstellen auf thüringischem Gebiet zählt zweifelsohne das Gräberfeld von Großromstedt (Lkr. Weimarer Land). Wie an kaum einem anderen Fundplatz in Mitteldeutschland, lassen sich hier die Transformationsprozesse der Jahre um Christi Geburt beobachten, die spätere Zeitabschnitte prägen. Innerhalb der archäologischen Forschung Mitteleuropas kennzeichnet der Begriff Großromstedter Horizont die zeitliche Periode zwischen der ausgehenden Latène- (jüngster Abschnitt der vorrömischen Eisenzeit) und beginnenden römischen Kaiserzeit. Überregional bekannt sind etwa die Situlen. Eine Form der Feinkeramik mit charakteristischem, unterschiedlich stark ausgeprägtem Schulterknick, einer geglätteten Oberfläche und mitunter zahlreichen Verzierungen in Form von Punkt- und Strichreihen. Derartige Gefäße dienten der Aufnahme des Leichenbrandes und können daher hinsichtlich ihrer Funktion innerhalb des Gräberfeldes mit den weiter unten zu besprechenden Kesseln verglichen werden.

Das Gräberfeld, in der Flur "Auf der Schanze" gelegen, wurde in der Zeit von 1907-1913 in mehreren Kampagnen unter der Leitung von Gustav Eichhorn erschlossen, der einer der Begründer der staatlichen Bodendenkmalpflege in Thüringen ist und als langjähriger Leiter des Germanischen Museums der Universität Jena tätig war. Die Fundobjekte sind heute Teil der Ur- und Frühgeschichtlichen Sammlung der Friedrich-Schiller-Universität. Eichhorn publizierte bereits 1927 einen Großteil der Objekte, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er legte jedoch lediglich einen kommentierten Katalog vor, in dem nicht alle der mehr als 600 Bestattungen besprochen wurden. Dies, sowie die Tatsache, dass dieser wichtige Fundplatz durch den Einsatz tiefer greifender Pflüge seit den 1960er Jahren nahezu vollständig zerstört ist, machte eine Neubearbeitung des Materials notwendig. Der Neuvorlage des Materials widmete sich Prof. Dr. Karl Peschel. Die Analyse des sehr umfangreichen Fundmaterials und die mustergültige Rekapitulation der Auswertung Eichhorns ist im Jahr 2017 in Druckform erschienen und kann als Lebenswerk, des im August 2019 verstorbenen Professors für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Jena, bezeichnet werden.Der hier vorgestellte zweigliedrige Kessel mit bronzenem Oberteil besitzt einen eisernen Mündungsring und zwei bewegliche Tragringe. Er diente als Urne, zur Aufnahme des Leichenbrands (etwa 440g) eines etwa 40-60 jährigen Mannes. Zum Inventar des reich ausgestatteten Grabes (Grab 1908 K 63) gehörten darüber hinaus weitere Beigaben. Exemplarisch sei auf die zahlreichen Waffen verwiesen, von denen zwei eiserne Lanzenspitzen, der Rest eines zweischneidigen Schwertes, mit auf der Klinge befindlichen Schlagmarken in Form eines Ebers und zahlreiche Bestandteile eines Schildes, als Teil der Schutzbewaffnung, genannt werden müssen. Gerade die Beigabe von zahlreichen Waffen stellt ein charakteristisches Element für die Bestattungen in Kesseln in dieser Zeit und Region dar.

Der Kessel war bereits zum Zeitpunkt der Auffindung sehr schlecht erhalten, so dass lediglich der konisch geschweifte obere Gefäßteil samt eisernem Mündungsring annähernd vollständig geborgen werden konnte. Das Gefäßunterteil war bereits in Gänze zerbrochen. Die Gefäßwände sind mit einer Stärke von lediglich 0,3-0,6 mm außerordentlich dünn. Aufgrund der Feinheit des Materials musste der Rand zusätzlich mithilfe 9 eiserner Bänder, die über den Gefäßoberteil und den Rand gelegt wurden, stabilisiert werden. Die erhaltenen Bronzebleche lassen auf einen ausgebauchten Gefäßkörper (Form E8 nach Eggers) schließen und zeigen darüber hinaus, sowohl auf der Innen- als auch der Außenseite, Bearbeitungsspuren. Deutlich erkennen lassen sich die Treibspuren, die mit der Hammerfinne ausgeführt wurden. Das Objekt steht damit in einer Traditionslinie jener toreutischer Produkte, die v.a. im spätkeltischen Bereich verbreitet waren. Im Gegensatz dazu ist italisch-römisches Bronzegeschirr im Normalfall gegossen und gelötet.

Bevor der Kessel seine endgültige Verwendung als Urne im Grab fand, könnte er im Laufe seiner Nutzungszeit durchaus bereits als Trinkgeschirr Verwendung gefunden haben. Ein Bruchstück vom ehemaligen Gefäßbauch zeigt, dass der Kessel bereits vor der Niederlegung im Grab antik repariert wurde in dem ein Riss in der Oberfläche mit einem dünnen genieteten Bronzeblech geflickt wurde.

Kessel mit Bronzeoberteil kommen in ihrer Verwendung als Urne im Gebiet zwischen Elbe und Saale relativ häufig vor. Derartige Urnengräber sind stets mit einer hohen Zahl an Waffen ausgestattet, die ein wesentliches Element der hier geübten Beigabenausstattung und Bestattungspraxis bildet. Derartige Objekte besitzen einen langen Nutzungszeitraum und sind in ihrer späteren Variante, mit eisernem Oberteil, noch bis in die ältere römische Kaiserzeit in Gebrauch.


Der Kessel sowie weitere herausragende Objekte der Sammlung Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie sind vom 29. September 2020 bis 26. September 2021 in der Sonderausstellung „ROMS VERLORENE PROVINZ - ARCHÄOLOGISCHE SPUREN IN THÜRINGEN“ im Kulturhistorischen Museum Mühlhausen zu sehen.


Aus der Sammlung Ur- und Frühgeschichte:
Bronzekessel aus dem Gräberfeld von Großromstedt, Lkr. Weimarer Land
Inventar-Nr.:    15355
Zeitstellung:     Latènezeit D2 (50 - 15 v.Chr.)
Material:          Bronze und Eisen
Maße:              Mündungsdm. 29,5 cm; erhaltene Höhe 10,5 cm; Dicke Gefäßwand 0,3-0,6 mm; Dicke Mündungsring ca. 11 mm; Größe Flicken ca. 3,8 x 4,1 cm

Literatur:

A. Baldwin, J. Joy, A celtic feast: The iron age cauldrons from Chiseldon, Wiltshire (London 2017).
G. Eichhorn, Der Urnenfriedhof auf der Schanze bei Großromstedt (Leipzig 1927).
H.-J. Eggers, Der römische Import im freien Germanien (Hamburg 1951).
Ph. Kropp, Der Urnenfriedhof von Großromstedt (Ausgrabungen der Jenaer Gesellschaft für Urgeschichte). Zeitschr. Ver. Thüring. Gesch. u. Altkde. N.F.18, 1908, 363-408.
K. Peschel, Das elbgermanische Gräberfeld Großromstedt in Thüringen. Eine Bestandsaufnahme. Röm.-Germ. Forsch. 74 (Frankfurt/Main 2017).
K. Peschel, Beobachtungen an zweigliedrigen Kesseln mit eisernem Rand. Alt-Thüringen 29, 1995, 69–94.
K. Peschel, Zur Chronologie und Struktur des elbgermanischen Gräberfeldes Großromstedt. In: F. Horst, H. Keiling (Hrsg.), Bestattungswesen und Totenkult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Historiker-Gesellschaft der DDR, XIV. Tagung der Fachgruppe Ur- und Frühgeschichte vom 21. bis 23. September 1987 in Neubrandenburg (Berlin 1991) 131–155.
K. Peschel, Ein Spätlatèneschwert mit Schlagmarken aus Großromstedt, Kr. Apolda. Ausgr. u. Funde 9, 1964, 248–250.
S. Piggot, Three metal-work hoards of the Roman Period from southern Scotland. Proc. Soc. Ant. Scotland 87, 1952/53, 1-50.

Michael Marchert M.A.