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Abb. 1 Set zur direkten Bluttransfusion, ca. 1930-1949, Foto Hannah Bayer
Aus der Medizinhistorischen Sammlung am Universitätklinikum Jena: Set zur direkten Bluttransfusion nach Arnault Tzanck, in Kartonbox, ca. 1930-1949

Blut - ein ganz besonderer Saft

01.01.2020

Das Gerät zur direkten Bluttransfusion konstruierte der Pariser Dermatologe, Hämatologe und Pionier der Bluttransfusion Arnault Tzanck (1886-1954) bereits 1923[1]. Der Erfinder nutzte dieses auch beim Attentat auf den französischen Präsidenten Paul Doumer im Mai 1932[2].


Seit Ende der 1920er Jahre[3] gab es Kontakte zwischen Tzanck und der Firma B. Braun, Melsungen, die das Gerät seither unter den Namen Tzanck und Braun in großer Stückzahl produzierte und mehrfach technisch verbesserte. Es wurde - sowohl für Krankenhäuser sowie kriegsbedingt ab 1939 bevorzugt für die Sanitätsdienste der deutschen Wehrmacht[4], später auch für Marine und Luftwaffe - mit optionalem Zubehör[5] angeboten. Eine Reihe anderer in Deutschland verfügbarer Geräteentwicklungen wiesen eignungsbedingt Vor- und Nachteile auf, erlangten jedoch keine solche Verbreitung. Auch nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Gerät bis Ende der 1950er Jahre gefertigt und in medizinischen Einrichtungen sowie der Bundeswehr verwendet bzw. vorgehalten[6],[7],[8].

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. der internationale Entwicklungsstand der Blutkonservierung (indirekte Bluttransfusion) vor allem in Deutschland keine Entsprechung fand und erst ab Ende der 1930er Jahre eine verzögerte Anpassung erfolgte. Führende Mediziner propagierten hier weiterhin die (direkte) Frischbluttransfusion. Andere Stimmen verhallten. Ein geeignetes Plasma-Volumenersatzmittel mit längerer Kreislaufwirksamkeit stand in Deutschland erst ab 1941 zur Verfügung. Vorhandene kristalline Infusionslösungen genügten diesem Anspruch nicht[9].

Unter direkter Bluttransfusion verstand man eine venöse Blutentnahme (Spender) mit unmittelbar folgender venöser Blutübertragung (Empfänger) nach schweren Verletzungen oder großen Operationen. Methodische Voraussetzung war die Prüfung der AB0-Blutgruppen-Verträglichkeit durch Mischen kleiner Mengen von Spender- und Empfängerblut, ab 1937 auch in Deutschland durch Testseren (sog. vollständige Kreuzprobe), sowie eine geeignete Lagerung von Spender und Empfänger, um auf engem Raum mittels großlumiger Stahlkanülen punktierbare Armvenen, regelhaft in der Ellenbeuge, an das Gerät anschließen zu können[10]. Längere Schlauchverbindungen hätten eine vorzeitige Blutgerinnung und somit eine Verstopfung des Systems bewirkt sowie die hygienische Wiederaufbereitung erschwert.

Eine Besonderheit des vorgestellten Objektes, das aus dem Jahr 1943 oder danach stammen dürfte, ist das provisorische Transportbehältnis - anstatt einer stabilen Metallbox[11] - eine aufklappbare und mit Papier beklebte Kartonbox . Die Innenseite des Deckels enthält einen eingeklebten Text in Maschinenschrift (Abb. 1):

Infolge der Material-Mängellage ist es nicht möglich, die Apparatur wie früher im Metall-Kasten zu liefern. Die Sterilisation wird so vorgenommen, dass das Einsatzblech mit den Apparateteilen und dem Stativbrett aus dem Pappkasten herausgenommen, in ein Tuch eingeschlagen (das Küken[12] wird vorher auseinander genommen) und in den Sterilisator eingesetzt wird. Mit dem Tuch werden die sterilisierten Teile dann in dem Pappkarton bis zum Gebrauch aufbewahrt.

Zu den Basisbestandteilen des Gerätes gehören das Einsatzblech mit federnden Halteklammern, eine Rekordspritze 10ml mit Schraubansatz, 2 Einstichkanülen mit Griffplatte und Mandrin (Kanülenschliff mit Korkschutz bestückt), 1 Dreiwegehahn, 1 Verbindungsschlauch zur sterilen physiologischen NaCl-Lösung (in einem offenen Glasgefäß oder aus einer hängenden 100g-Ampulle). 2 Verbindungsschläuche mit Schlauchansatz (via Kanülen) zum Spender bzw. zum Empfänger, 1 Stativ zum Aufbau des Gerätes (Abb.2). Der Terminus „Stativbrett“ ist in dem Zusammenhang nicht plausibel, zumal dieses Zubehör fehlt. Es könnte sich um ein Flachteil mit Arretierungsmöglichkeit für das Stativ gehandelt haben, analog zur Deckelinnenseite der Metallbox. Die Spritze trägt die Aufschrift ‟SPRITZENREPARATUREN NUR DURCH B.BRAUN MELSUNGEN“. Der um ein Logo kreisförmige Gravurtext auf dem verchromten Dreiwegehahn lautet innen: B.BRAUN∙MELSUNGEN, außen: Braun’s-Bluttransfusionsbesteck∙D.R.P.[13]. Auf der Unterseite des Dreiwegehahns ist 572A eingestanzt (Seriennummer?). Ein Schlauchanschluss führte somit zum Empfänger, einer zum Spender, der dritte mittig zu einem Behältnis mit steriler NaCl-Lösung.

Die Verwendung des Gerätes geschah meist wie folgt [14]:
Nach Aufbau der Apparatur unter sterilen Bedingungen wurde die gestaute Vene des Empfängers mittels Einstichkanüle perkutan punktiert und fixiert, der Mandrin zunächst belassen, die Stauung am Oberarm geöffnet. Nach Verbindung der 2. Einstichkanüle mit dem Verbindungsschlauchansatz erfolgte die perkutane Punktion der gestauten Vene des Spenders sowie die Kanülenfixation. Die Stellung des Dreiwegehahnes mit angeschraubter Spritze (Abb. 3) erlaubte währenddessen eine Blutfüllung derselben. Durch horizontales Schwenken der Spritze in die Gegenrichtung konnte der 2. Verbindungsschlauch mit Blut gefüllt, d.h. entlüftet werden. Hiernach schloss man diesen an die vom Mandrin befreite Kanüle des Empfängers an, es entstand ein in sich geschlossenes System. Nach erneuter Spritzenfüllung wurden zunächst ca 10ml Spenderblut transfundiert und der Empfänger 2-3 Minuten hinsichtlich eintretender Symptome einer akuten Unverträglichkeit beobachtet[15]. Während der Wartezeit stellte man die Spritze in Mittelstellung (Abb. 4) und öffnete den kleinen Hahn zum 3. Verbindungsschlauch, der in die physiologischen NaCl-Lösung eintauchte, und spülte mit dieser temporär das gesamte System durch, um eine Blutgerinselbildung und konsekutive Verstopfung zu verhindern.


Eine Transfusionsunterbrechung war möglich, indem bei gleicher Spritzenstellung der kleine Hahn geschlossen blieb. Nach unauffälliger biologischer Probe konnte die Transfusion beginnen, wobei der Spenderarm intermittierend etwas gestaut wurde. Ein erfahrenes Team (1 Arzt, 1 Assistenzperson) übertrug so in relativ kurzer Zeit von etwa 15 Minuten 400-500ml Blut. Alternativ wurde zunächst das gesamte System mit Paraffinöl gespült oder (und) mit physiologischer NaCl-Lösung gefüllt, bevor Empfänger und Spender angeschlossen wurden. Auch zwischen den Transfusionsschritten erfolgten ggf. zusätzliche Spülungen des Systems bzw. Volumengaben mit der Kochsalzlösung zum Empfänger.

Nach der Transfusion wurde das System mit kaltem Wasser durchgespült, um Blutreste zu entfernen. Insbesondere die Gummischläuche mussten sorgfältig gereinigt werden. Je nach örtlichen Gegebenheiten kochte man diese entweder mit 1%igem Sodazusatz aus oder es erfolgte analog zu den gereinigten und demontierten Metallteilen eine Dampfsterilisation.

Als Vorzüge des Gerätes galten[16]:
- Ein Chirurg für den operativen Blutgefäßanschluss war meist entbehrlich.
- Anschließbarkeit weiterer Spender.
- Prozedur ohne zwingende Verwendung gerinnungshemmender Substanzen.
- Messgenauigkeit des Transfusionsvolumens.
- Einfache Ersetzbarkeit gebrauchter Verbindungsschläuche.
- Einfache, personalsparende Bedienung (ggf. auch einhändig) und zügige Blutübertragung.
- Bedarfsweise hygienisch vorteilhafter Wechsel der Rekordspritze.
- Geringes Infektionsrisiko durch geschlossenes System.
 - Einfache Integration der biologischen Vorprobe.
- Steriles Arbeiten auf engem Raum (Handschuhe, Kittel, Abdecktücher).
- Gerätekompaktheit und -portabilität.
- Einfache hygienische Wiederaufbereitung (dies galt eher für die Metallbox-Version).

Arnault Tzanck war das jüngste von fünf Kindern einer jüdischen Familie aus Ossetien, Russland, die 1887 emigrieren musste und über Georgien schließlich nach Frankreich gelangte2. Im Kontext der Zeit zwischen beiden Weltkriegen überwog bei der Firma B.Braun, Melsungen, offenbar neben wissenschaftlich-technischen und wirtschaftlichen Interessen auch Toleranz gegenüber international anerkannten Partnern wie Tzanck. Ab Mitte der 1930er Jahre blieb allerdings Tzanck’s Name in den Produktunterlagen der Firma oder anderen Publikationen zum Gerät unerwähnt. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Juni 1940 wurde Tzanck als jüdischer Arzt suspendiert und kam der drohenden Deportation durch Flucht mit seiner Familie nach Spanien zuvor. Mit Unterstützung spanischer Kollegen gelang schließlich eine Ausreise nach Chile. Nach der Landung der Alliierten in Nordafrika 1944 schloss er sich dort der französischen Armee an, kehrte schließlich nach Paris zurück und machte sich vornehmlich durch den Aufbau des nationalen Transfusionswesens verdient.

Anm.: Für die Überlassung von Archivmaterial der Firma B.Braun, Melsungen, danke ich Herrn Dr. Wolfgang Koller.

Set zur direkten Bluttransfusion nach Arnault Tzanck, in Kartonbox, ca. 1930-1949
Material: Metall, Gummi, Glas, Karton
Maße:Höhe 5,4 cm, Breite 23,8 cm, Tiefe 10,9 cm, Gewicht 646 g
Invnr. A/484


Dr. med. Reiner Gottschall


[1] Schneider WH: Arnault Tzanck, MD (1886-1954). Transfus Med Rev 2010; 24: 147-150.
[2] Lefre`re JJ, Berche P: Arnault Tzanck (1886–1954), founder of the first blood centre worldwide. J Med Biogr 2013; 21: 211–219.
[3] Tzanck A: Die Technik der Bluttransfusion. Melsunger MEDIZINISCH-PHARMAZEUTISCHE MITTEILUNGEN aus Wissenschaft und Praxis 1928; H. 55, S. 708-715.
[4] Biedermann: Ein besonders für Heereszwecke geeigneter Bluttransfusionsapparat. Chirurg 1939; 11: 654-656.
[5] B.Braun, Melsungen: Produktkatalog 1939, S. 178, BRAUN’S BLUTTRANSFUSIONS-BESTECK.
[6] Blutaustauschtransfusionsgerät nach Professor K.H. Schäfer, Göttingen. Melsunger MEDIZINISCH PHARMAZEUTISCHE MITTEILUNGEN aus Wissenschaft u. Praxis 1950; H. 78, S. 1167-1169.
[7] B.Braun, Melsungen: Produktkatalog 1959, S. 83, Nr. 1645 Braun’s Bluttransfusionsbesteck.
[8]
https://www.kugener.com/de/humanmedizin/anaesthesie/47-artikel/33-bluttransfusionsgeraet-3-artikel.html
[9]
Wiebecke D u. Mitarb.: Zur Geschichte der Transfusionsmedizin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (unter besonderer Berücksichtigung ihrer Entwicklung in Deutschland). Transfus Med Hemother 2004; 31(suppl 2): 12–31.
[10] Bei schlechten Venenverhältnissen, v.a. seitens des bedürftigen Empfängers, musste eine chirurgisch-operative Venenfreilegung (Venae sectio) vorausgehen. Hierfür gab es separate Einbindkanülen als Zubehör.
[11] Anm.: Die vernickelte Metallbox konnte mitsamt sauberem Inhalt sterilisiert werden und besaß zudem eine praktische Stativhalterung für das aufgebaute Gerät auf der Innenseite des Deckels. Ein solches Objekt befindet sich ebenfalls in der Sammlung.
[12] Zwei unbeabsichtigte (?) Leerzeichen nach der Klammer. Mit Küken bezeichnet man eine technische Absperrvorrichtung, hier als Dreiwegehahn.
[13] Abkürzung für Deutsches Reichspatent.
[14] B.Braun, Melsungen: Gebrauchsanweisung für den Braun’s Bluttransfusions-Apparat (19??). In dieser Textversion ist die alternative Gerätevorbehandlung mit Paraffinöl zur Hemmung der Blutgerinnung beschrieben.
[15] Biologische Vorprobe nach Oehlecker als letzte Sicherung zur Vermeidung einer Fehltransfusion.
[16] Anonymos: Direkte Bluttransfusion. Melsunger MEDIZINISCH PHARMAZEUTISCHE MITTEILUNGEN aus Wissenschaft u. Praxis 1941; H. 72, S. 983-986.